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Hinzu kommt:
Besonders die oft als nachgerade magisch angepriesenen und über dubiose Kanäle
gehandelten fernöstlichen Kräutermittelchen sind teilweise extrem verunreinigt.
Kürzlich kauften US-Wissenschaftler Kräuter in den USA, Vietnam und China ein, um sie
chemisch zu analysieren. Sie fanden darin Arsen, Blei und Quecksilber - in 49 Prozent der
Proben in giftigen Konzentrationen, 74 Prozent überschritten die zulässigen
US-Grenzwerte.
Der naive Glaube an die einzigartige und risikolose Heilkraft der
»sanften« Naturmedizin wird von einer Industrie ausgenutzt, der es häufig mehr um Geld
denn um Gesundheit geht. Weit klaffende Gesetzeslücken, undurchschaubares internationales
Recht und die Anonymität des Cyberspace werden da skrupellos ausgenutzt. So kann sich der
Fan natürlicher Arznei oft schon glücklich schätzen, wenn ihm sein Teebaumöl, das laut
den einschlägigen Fibeln von Pickeln über Masern, Rheuma und Fusspilz knapp 40 Gebrechen
vertreiben soll, nur nicht hilft. Denn es kann ihm auch passieren, dass sein Grüner Tee,
sein Kava Kava, Kombucha oder gar die exotischen Algen ihn kränker machen, wenn nicht gar
vergiften.
Cyanobakterien der Art Aphanizomenon flos-aquae, so genannte
Afa-»Algen« etwa sind einer der grossen Renner auf dem amerikanischen Health-Food-Markt.
Angeblich wirken sie gegen Haarausfall, Übergewicht, Depressionen, Diabetes,
Neurodermitis, Kopfschmerzen sowie das Zappelphilipp-Syndrom bei Kindern. Die
Gesundheitsbehörde FDA warnt jedoch vor keineswegs heilsamen Nebenwirkungen der so
genannten Alge; es sei in über 60 Fällen zu Taubheit in Händen und Füssen,
epileptischen Anfällen, Herzmuskelschwäche, Bauchspeicheldrüsenentzündung sowie Leber-
und Blasenschmerzen gekommen. Kein Wunder, denn Cyanobakterien können starke Gifte
produzieren, die Leber und Nerven schädigen können. Diese so genannten Microcystine
wurden 1996 bei einer Untersuchung von Cyanobakterien aus dem Upper Klamath Lake im
US-Bundesstaat Oregon in 85 von 87 Proben entdeckt. Fast 80 Prozent der Funde lagen im
toxischen Bereich.
Wie alles vermeintlich gute Grüne aus Amerika kamen auch die
Wunderalgen nach Deutschland. Angelika Schmitz* aus Paderborn kaufte im vergangenen Sommer
500 »Algen«-Pillen für 170 Mark. Sie wollte ihren 13-jährigen Sohn von seiner
Zappeligkeit und sich selbst von Kopfschmerzen befreien. Doch statt der ersehnten
Heilwirkung sprossen in den Gesichtern der beiden dicke Eiterpickel. Hibbeligkeit und
Kopfgrimmen blieben. Laut Roland Ziegler, Betreiber des Online-Lexikons Paramedizin und
Autor eines Buches über Afa, gibt es »keine einzige seriöse Studie, die beweist, dass
Afa-Algen bei Hyperaktivität einen therapeutischen Vorteil erbringen«.
DER NATUR-BOOM lässt in Reformhäusern, Naturkostläden,
Obstessigfabriken, Algenfarmen, Ölmühlen und bei jeder Art von Zwischenhandel die Kassen
klingeln. Als Arzneimittel wollen viele Hersteller ihre Produkte aus rechtlichen Gründen
nicht auf den Markt bringen. So wird die Ware schlicht als Lebensmittel deklariert.
Erstere unterliegen den Vorschriften des Arzneimittelgesetzes. Ihre
Wirksamkeit und Verträglichkeit, ihre Risiken und Nebenwirkungen müssen vom Hersteller
in Studien untersucht und in vorgeschriebener Weise dokumentiert werden. Dadurch werden
sie nicht »absolut sicher« oder »frei von Nebenwirkungen« - doch ihr Nutzen und die
Gefahren ihrer Anwendung können gegeneinander abgewogen werden. Die kontrollierte
Prüfung garantiert Transparenz, und die ist nötig, um den Verbraucher schützen zu
können. Eine ganze Reihe forschender pharmazeutischer Unternehmen leistet das auch: Mit
ärztlichem Sachverstand eingesetzt, können etwa Ginkgo oder Johanniskraut synthetischen
Arzneimitteln durchaus gleichwertig oder überlegen sein. Doch der Kreis der
wissenschaftlich orientierten Produzenten ist klein.
In einer Grauzone der Ungewissheit bewegen sich dagegen die Anwender
von Mitteln, deren Herstellern die Medikamentenzulassung zu teuer ist oder die - oft zu
Recht - fürchten müssen, einen Wirksamkeitsnachweis nicht führen zu können. Die Öle,
Tinkturen und Pülverchen gehen als Lebensmittel oder Kosmetika über den Tresen.
Da es verboten ist, Nahrungsmitteln bestimmte Heilwirkungen
zuzuschreiben und damit Reklame zu machen, nutzen die Kraut-Krämer trickreich das »Buch
zum Produkt« als Werbeträger und geschwätzigen Beipackzettel ohne
Wahrhaftigkeitsgarantie. Wenn alsbald die Kräuter-Laster rollen, freut sich der
Autoren-Lieferanten-Klüngel.
Die Regale der Buchläden biegen sich
unter der Last der mit Heilsversprechen vollgestopften Medizin-Leitfäden. Hier finden
sich alleine 17 Postillen, die den Verkaufsknüller Teebaumöl als »grünes Gold
Australiens«, »Kleinste Hausapotheke« oder »Tausendsassa« anpreisen. Gesundheit,
scheint es, ist das Hobby Nummer eins der Deutschen. Der Ratgeber-Umsatz liegt bei weit
über einer halben Milliarde Euro.
Wie der Selbstheilungskult funktioniert,
wird an der Karriere des
Holunders, eines genügsamen Gestrüpps mit dem botanischen Namen
»Sambucus«, deutlich. Blätter, Blüten oder Beeren, zu Tee gebrüht, Kompott geköchelt
oder Saft gepresst, sollen so manche Beschwerden heilen. Helfen angeblich bei Akne und
Asthma, Fussschwellungen und Frostbeulen, Grippe und Gürtelrose, Hämorriden und
Halsentzündung, Schlafstörungen und Sonnenbrand. So jedenfalls steht's geschrieben. In
Büchern mit Titeln wie »Heilsamer Holunder«, oder »Gesund und schön mit Holunder«.
Da wird das Gewächs als wahres Wunderkraut dargestellt, das mit seiner gespeicherten
Sonnenenergie »die Stimmung aufhellt« und mit der »Leichtigkeit seiner Blüten den
Körper von Ballast« befreit. Sie leiden unter Mandelentzündung? Da hilft ein
Gurgelwasser aus Blütenextrakt! Sodbrennen quält sie? Holunderbeerwein schafft Abhilfe.
Geschwüre? Auch das ist ein Fall für Sambucus.
Nach derselben Methode werden Ingwer, Honig,
Ringelblume oder
Lavendel,
Algen oder Weizengras sowie diverse Tees und Öle als omnipotente Wunderhilfen gepriesen.
Allumfassende medizinische Superkraft versteckt sich offenbar in allem, was am Wegrand
wuchert. Die medizinische Wissenschaft lässt jedoch kaum ein gutes Haar am Holunder und
vielen anderen in den Himmel gelobten Mitgewächsen. »Da ist viel Mist dabei«, sagt
Professor Malte Bühring vom Lehrstuhl für Naturheilkunde der Freien Universität Berlin.
Beim Holundertee etwa, so wissen Forscher, verdanken Kranke die Linderung ihrer
Beschwerden vor allem dem mit dem Tee in grösseren Mengen heiss zugeführten Wasser.
Das stört die gläubigen wenig. Die Lust
am Einnehmen grassiert, Hauptsache, Natur. Und wer nicht krank ist, der beugt eben vor und
»stärkt sein Immunsystem«, »entschlackt«, »reinigt sein Blut« oder frönt
ähnlichem Aktionismus. Die Behörden, die doch den Verbraucher schützen sollen, sind
längst überfordert. Vor allem das Internet hat dem Do-it-yourself-Wahn um den eigenen
Körper einen gigantischen Kick gegeben. Dort lassen sich verbotene Kräutlein,
schwermetallverseuchte chinesische Wurzeln und allerlei Unfug propagieren und bequem
vertreiben. »Mittel, die in der Bundesrepublik den Bestimmungen des geltenden
Arzneimittelrechts teilweise nicht genügen, werden trotzdem über virtuelle Apotheken
oder Drogerien im europäischen Ausland zum Kauf angeboten. Der Handel mit solchen
Präparaten boomt und entzieht sich faktisch jeglicher Kontrolle«, konstatiert
Naturheil-Kritiker Ziegler. Mit seinem neuen Buch »Ajurveda & Co. Sanfte Killer aus
Fernost« hat er eine exemplarische Fallstudie vorgelegt: Minutiös seziert er das
populäre indische Medizinal-Theoriegebilde, innerhalb dessen nicht einmal Einigkeit
darüber besteht, wie viele Knochen der Mensch hat oder der Überzeugung gehuldigt wird,
der Körper sei voller Röhren, die paarweise Luft, Galle, Nasen-, Magen- und
Lungenschleim sowie allerhand andere organische Säfte befördern. Ziegler zerlegt
fachlich kompetent das als wundertätiges Ayurved-Medikament gepriesene pflanzliche
Kombi-Präparat Liv.52. Fazit: Die für Laien undurchschaubare Mixtur aus acht
verschiedenen Arzneistoffen ist von zweifelhafter Wirksamkeit und Sicherheit. Sie kann die
Wirkung von Antibiotika vermindern und erhöht bei Leberkranken das Sterberisiko.
Ein solches Schicksal trifft längst nicht mehr nur die menschlichen
Gesundheitssucher. Auch vierbeinige Hausgenossen fallen natürlichen Heilversuchen zum
Opfer. Weil Teebaumöl, das »grüne Gold«, auch gegen Flöhe wirken soll, tupfen
naturbewusste Katzenfreunde ihren schnurrenden Lieblingen ein paar Tropfen der Essenz ins
Fell. Doch das Naturprodukt, beim Putzen aus dem Pelz geleckt, bringt den
Leberstoffwechsel der Haustiger durcheinander. Die Folgen sind Taumeln, Zittern,
chronische Abmagerung, Schwäche, Depressionen, Koma und - sofern unbehandelt - Tod. |