DER SPIEGEL 31/2003 - 28. Juli 2003 
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Paten für die Pimpernuss
Viele Hochschulen und Kommunen wollen ihre beliebten, aber teuren botanischen Gärten loswerden. Biologen fürchten um den Fortbestand der klassischen Botanik.

Kerzen sollen brennen und Chöre singen zum Höhepunkt der 100-Jahr-Feiern des botanischen Gartens in Berlin-Dahlem im kommenden Jahr. Kiezbewohner, Schulklassen, Touristen werden zum Gratulieren kommen - und natürlich auch Studenten und Gastwissenschaftler aus aller Welt.

So schön hat sich Albert-Dieter Stevens das gedacht. Doch wenn es nach den Sparplänen der Universität geht, muss der Gartenkustos die Geburtstagsparty unter dem Motto "Candles and Choral" womöglich noch zur Mahnwache umwidmen.

Die Hochschule droht mit dem stückweisen Verkauf des Areals oder gar mit Schliessung der viel geliebten Institution - und Stevens bringt dafür sogar ein gewisses Verständnis auf: "Bei uns können die Berliner heiraten oder Konzerte hören, sich kostenlos erholen und bilden. Der Garten leistet viel in Pädagogik und Umwelterziehung, 500.000 Eintritte pro Jahr sind eine erfreuliche Besucherbilanz - aber die Uni, die alles zahlen soll, hat gar nichts davon."

Zwar lernen und forschen auch Hochschul-Biologen und -Pharmazeuten in den berühmten Labors, Herbarien und Bibliotheken des Gartens, und auch Pflanzen für Diplomarbeiten und Biotech-Forschung werden eigens hier bereitgehalten. Doch vom Land bekommt die Hochschule nur Geld für Institute, die selber Diplomanden und Doktoren hervorbringen, und deren Erfolg nach der Zahl abgelegter Prüfungen gemessen wird. Der Garten aber hat keine eigenen Studenten.

Ähnlich düster wie in Berlin ist es derzeit um viele der rund 90 botanischen Gärten in Deutschland bestellt: In Köln verhinderten massive Bürgerproteste zwar den Abriss der Gewächshäuser der traditionsreichen Flora. Doch Outsourcing oder Privatisierung sind nicht vom Tisch, erst recht nicht der Personalabbau. Mit den erfahrenen Gärtnern aber ginge auch unersetzliches Wissen verloren.
 

"Es gibt schon genug Biologiestudenten, 
  die Gerste mit Hafer verwechseln."

In Hamburg sollen nach dem Willen der Behörde für Wissenschaft und Forschung die Schaugewächshäuser voller tropischer Pflanzen leergeräumt und verscherbelt werden, die im Innenstadt-Park Planten un Blomen untergebracht sind. Eine Stiftung erwog bereits den Bau von Studentenwohnheimen auf dem Areal.

Herbar-Kustos Hans-Helmut Poppendieck fürchtet nun um den unersetzlichen Bestand - darunter Solitäre wie ein Palmfarn, der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Hafenstadt an der Elbe gelangte. Poppendieck: "Ein lebendes Dokument, das können Sie nicht ohne Risiko verpflanzen."

In Saarbrücken konnte Wolfgang Stein, der rührige Gartenleiter, die drohende Schliessung gerade noch abwenden, "aber leider nur halb". Im universitären Grün stehen zwar noch pflegeleichter Kakao, Papaya, Mimosen und Mammutbäume für das Massenpublikum. "Aber in unserem botanisch anspruchsvollen Alpengarten mit Edelweiss und Enzian schiessen die Birken hervor", seufzt Stein, "und 700 Arten Alpenpflanzen aus aller Welt verrecken."

Immer seltener werden folglich für Botanik-Fans die Gelegenheiten, Aussergewöhnliches zu sehen - so wie in Bonn, wo neulich 16.000 Besucher in anderthalb Tagen stundenlang anstanden, um die faulig riechende Blüte des Titanenwurz betrachten zu können.
 
Hauptopfer der Sparmassnahmen ist jedoch die Wissenschaft, wie Thomas Stützel, Präsident des Verbandes Botanischer Gärten, warnt: "Es gibt die Tendenz, botanische Gärten in städtische Grünanlagen umzubauen. Da reduziert sich der Pflegeaufwand auf den einer Verkehrsinsel. Für die traditionelle Botanik ist das Gift."

Wissenschaftliches Herzstück der Gärten sind oft extrem pflegeintensive Beete, die für den gemeinen Besucher wenig hergeben. Doch Studenten lernen zum Beispiel anhand der "System" genannten Pflanzungen, die Fülle der Arten zu ordnen und mit ihr umzugehen. Aber was einst zum Handwerkszeug eines jeden Biologen gehörte, ist seit dem Boom der Molekularbiologie im Labor etwas aus der Mode geraten. "Manche denken, die Systematik sei eine verstaubte Wissenschaft", sagt Ulrike Brunken, 34, die in Frankfurt an ihrer Doktorarbeit über Malvengewächse schreibt. "Dabei sind noch zahllose unbekannte Arten zu entdecken. Wenn der Blick für das Grundlagenwissen verloren geht, gibt es niemanden mehr, der diese Lebewesen erkennen und beschreiben kann."

"Ich kenne heute schon genug Biologiestudenten, die Gerste mit Hafer verwechseln", klagt Botanik-Professor Stützel, der den Garten der Ruhr-Universität Bochum leitet. "Das völlige Unwissen, was organismische Biologie angeht, wird sich auch auf die Biotechnologie auswirken. Die jetzigen Institutsleiter können das noch, die nächste Generation nicht mehr."

Viele der Lehrstühle, die sich einst mit der Artenvielfalt beschäftigten, sind heute mit Molekularbiologen besetzt, und denen fällt der wissenschaftliche Kahlschlag oft gar nicht auf: "Die Biotech-Leute vermissen nicht die artenreichen Systeme", sagt Stützel. "Mit einem Gewächshaus, wo Sie eine einzige Art reinpacken, können Sie eine ganze Gruppe von Laborforschern ein Leben lang beschäftigen."

Genau dieses Schicksal fürchtet Manfred Wessel, Technischer Leiter des Botanischen Gartens Frankfurt. Sein Paradies soll umziehen an den neuen Uni-Standort vor den Toren der Stadt. Im Gegenzug erhält Frankfurt das Filetstück neben dem Palmengarten. Ausserdem soll Wessel in den nächsten Jahren auf jeden zweiten Mitarbeiter verzichten.
 
Der neue botanische Garten wird keiner des herkömmlichen Stils sein, sondern wird "knallhart nur noch das produzieren müssen, was die Biologen für die Lehre und Forschung brauchen", glaubt Wessel, der seine artenreiche Pflanzensammlung, die über Jahrzehnte gediehen ist, in Gefahr sieht. 
 
"Wer statt zum Palmengarten zu uns kommt", sagt Wessel, "der will keine bunten Schaubeete sehen, sondern wissenschaftlich begründete Pflanzengesellschaften und naturnahe Abbildungen von Lebensräumen." Etwa den "sonnigen Kalkhang", wie ihn erfahrene Gärtner hier nachgebaut haben. Auf ihm gedeihen seltene Pflanzen wie Adonisröschen und Küchenschelle. "Um einen sonnigen Kalkhang mitten in Frankfurt zu erhalten, brauchen Sie viel Zeit und Wissen. Alles, was reinfliegt und nicht reingehört, wie Wiesengräser oder Margeriten, muss rausgepickt werden, sonst wird daraus nur eine rasige Fläche."

"Mit Lehrbiotopen", sagt Botaniker Stützel, "kann man die Leute vielleicht davon abhalten, eine halsbrecherische Tour in die Wildnis zu unternehmen, um ein Edelweiss zu sehen und womöglich abzupflücken." Selbst Biologen können in der freien Wildbahn Schäden anrichten: "Wenn die 50-köpfige Anfängergruppe durchs Biotop läuft, sieht es dort am Ende des Sommersemesters aus wie auf einem Truppenübungsplatz." 
 
Nicht zuletzt gehört der Erhalt der Artenvielfalt zu den Aufgaben der botanischen Gärten. Während zwischen Ostsee und Alpen in der Natur nur rund 3000 Pflanzenarten vorkommen, beherbergen die künstlichen Refugien etwa 50.000 der weltweit 250.000 vorkommenden Blütenpflanzen - auch solche, die an Wildstandorten extrem selten geworden sind. "Das Bundesumweltministerium freut sich, dass wir das tun, weil wir damit einen wichtigen Teil des Biodiversitätsabkommens von Rio de Janeiro erfüllen. Geld bekommen wir dafür aber weder von den Ländern noch vom Umwelt- oder Agrarministerium."

In Berlin erfanden Mitarbeiter des Gartens nach Bekanntwerden der Sparpläne deshalb eigene Rettungsmassnahmen. Seit kurzem können die Hauptstädter Pflanzen-Patenschaften übernehmen. Ob Pimpernuss, Leberwurstbaum oder Lebende Steine: Herbariumsdirektorin Brigitte Zimmer versucht, für jeden Interessenten etwas Passendes zu finden. 
  
"Die Sparda-Bank hat sich den Geldbaum ausgesucht", freut sich Zimmer. "Auf die Konkurrenz warten noch Banksia und Sparmannia." Love-Parade-Erfinder Dr. Motte erwärmte sich sogar gleich für zwei Schützlinge: die "Brennende Liebe", ein rot blühendes Nelkengewächs, und den "Liebesperlenstrauch". 
  
1200 Euro opferte eine Rentnerin für den 15 Meter emporragenden Taschentuchbaum, dessen weisse Hochblätter wie Tempos im Wind flattern. Auch Landwirtschaftsministerin Renate Künast wählte sich ein botanisches Mündel: den schwarzstieligen Frauenhaarfarn. Zum Preis dieser Patenschaft muss der Garten Stillschweigen bewahren. "Die Kosten richten sich aber jeweils nach der Grösse des Gewächses", sagt Zimmer. 
  
Der Frauenhaarfarn wird etwa 30 Zentimeter gross. 

BEATE LAKOTTA


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Links Zum Thema:
In SPIEGEL ONLINE:   
·  Bonner Titanenwurz: Der neue Weltrekordler öffnet sich (22.05.2003)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,249772,00.html
 

Im Internet:

  
·  Rettungsaktion für den Botanischen Garten Berlin-Dahlem
http://www.bgbm.org/BGBM/
 
·  Titanenwurz in den Botanischen Gärten Bonn
http://www.botanik.uni-bonn.de/botgart/amorpho2003.html
 
·  Botanischer Garten der Universität des Saarlandes
http://www.uni-saarland.de/fak8/botgarten/
 
·  Botanischer Garten Bochum
http://www.boga.ruhr-uni-bochum.de/
 
·  Botanischer Garten Frankfurt am Main
http://www.uni-frankfurt.de/fb15/botanischer_garten/