|
Genau dieses Schicksal
fürchtet Manfred Wessel, Technischer Leiter des Botanischen
Gartens Frankfurt. Sein Paradies soll umziehen an den neuen
Uni-Standort vor den Toren der Stadt. Im Gegenzug erhält Frankfurt das
Filetstück neben dem Palmengarten. Ausserdem soll Wessel in den
nächsten Jahren auf jeden zweiten Mitarbeiter verzichten.
Der neue botanische Garten wird keiner des herkömmlichen Stils sein,
sondern wird "knallhart nur noch das produzieren müssen, was die
Biologen für die Lehre und Forschung brauchen", glaubt Wessel, der
seine artenreiche Pflanzensammlung, die über Jahrzehnte gediehen ist,
in Gefahr sieht.
"Wer statt zum Palmengarten zu uns kommt", sagt Wessel,
"der will keine bunten Schaubeete sehen, sondern wissenschaftlich
begründete Pflanzengesellschaften und naturnahe Abbildungen von
Lebensräumen." Etwa den "sonnigen Kalkhang", wie ihn
erfahrene Gärtner hier nachgebaut haben. Auf ihm gedeihen seltene
Pflanzen wie Adonisröschen und Küchenschelle. "Um einen sonnigen
Kalkhang mitten in Frankfurt zu erhalten, brauchen Sie viel Zeit und
Wissen. Alles, was reinfliegt und nicht reingehört, wie Wiesengräser
oder Margeriten, muss rausgepickt werden, sonst wird daraus nur eine
rasige Fläche."
"Mit Lehrbiotopen", sagt Botaniker Stützel, "kann man
die Leute vielleicht davon abhalten, eine halsbrecherische Tour in die
Wildnis zu unternehmen, um ein Edelweiss zu sehen und womöglich
abzupflücken." Selbst Biologen können in der freien Wildbahn
Schäden anrichten: "Wenn die 50-köpfige Anfängergruppe durchs
Biotop läuft, sieht es dort am Ende des Sommersemesters aus wie auf
einem Truppenübungsplatz."
Nicht zuletzt gehört der Erhalt der Artenvielfalt zu den Aufgaben der
botanischen Gärten. Während zwischen Ostsee und Alpen in der Natur nur
rund 3000 Pflanzenarten vorkommen, beherbergen die künstlichen Refugien
etwa 50.000 der weltweit 250.000 vorkommenden Blütenpflanzen - auch
solche, die an Wildstandorten extrem selten geworden sind. "Das
Bundesumweltministerium freut sich, dass wir das tun, weil wir damit
einen wichtigen Teil des Biodiversitätsabkommens von Rio de Janeiro
erfüllen. Geld bekommen wir dafür aber weder von den Ländern noch vom
Umwelt- oder Agrarministerium."
In Berlin erfanden Mitarbeiter des Gartens nach Bekanntwerden der
Sparpläne deshalb eigene
Rettungsmassnahmen. Seit kurzem können die Hauptstädter
Pflanzen-Patenschaften übernehmen. Ob Pimpernuss, Leberwurstbaum oder
Lebende Steine: Herbariumsdirektorin Brigitte Zimmer versucht, für
jeden Interessenten etwas Passendes zu finden.
"Die Sparda-Bank hat sich den Geldbaum ausgesucht", freut sich
Zimmer. "Auf die Konkurrenz warten noch Banksia und Sparmannia."
Love-Parade-Erfinder Dr. Motte erwärmte sich sogar gleich für zwei
Schützlinge: die "Brennende Liebe", ein rot blühendes
Nelkengewächs, und den "Liebesperlenstrauch".
1200 Euro opferte eine Rentnerin für den 15 Meter emporragenden
Taschentuchbaum, dessen weisse Hochblätter wie Tempos im Wind flattern.
Auch Landwirtschaftsministerin Renate Künast wählte sich ein
botanisches Mündel: den schwarzstieligen Frauenhaarfarn. Zum Preis
dieser Patenschaft muss der Garten Stillschweigen bewahren. "Die
Kosten richten sich aber jeweils nach der Grösse des Gewächses",
sagt Zimmer.
Der Frauenhaarfarn wird etwa 30 Zentimeter gross. |