Adaptogene Wirkstoffe

Jiaogulan – das "Kraut der Unsterblichkeit"

Auf der Conference on Traditional Medicines 1991 in Beijing wurde sie zu einer der zehn wichtigsten tonisierenden Kräuter gewählt: Gynostemma pentaphyllum (chin. "Jiaogulan"), ein in Ost- und Südostasien heimisches, rankendes Kürbisgewächs, das mehr als acht Metern lang werden kann. Aus den getrockneten oder frischen Blättern wird ein Tee zubereitet, der in Südchina wegen seiner vielfältigen Wirkungen sehr geschätzt ist und nunmehr auch weltweit zunehmend Beachtung findet.

Im Chinesischen hat Gynostemma pentaphyllum den Beinamen "Xiancao" (Kraut der Unsterblichkeit), dessen sich aber auch andere Pflanzen und der Pilz Ganoderma lucidum rühmen können. Die mehrjährige, sommergrüne Staude kommt in Ost- und Südostasien von Japan über Korea und China bis nach Malaysia und Indien vor und wird in China und Thailand seit Längerem kultiviert. In der südchinesischen Provinz Guizhou, in der sehr viel Jiaogulan-Tee getrunken wird, ist die Zahl der mehr als 100 Jahre alten Menschen überdurchschnittlich hoch; daher soll der Beiname der Pflanze stammen. Über den Gebrauch von Jiaogulan als Arzneipflanze berichten bereits chinesische Quellen des 15. Jahrhunderts; sie spielt jedoch heute in der schulmässig gelehrten traditionellen chinesischen Medizin (TCM) keine Rolle, sondern ist eine Pflanze der Volksmedizin sowie eine Nahrungspflanze.

Jiaogulan - Gynostemma pentaphyllum

Süsser Geschmack

Auf der Suche nach einer Alternative für Zucker als Süssungsmittel stiessen japanische Wissenschaftler in den 70er Jahren auf "amachazuru", wie G. pentaphyllum auf Japanisch heisst. "Amacha" (süsser Tee) bezieht sich dabei auf den auffällig süssen Geschmack ("tsuru" oder "-zuru" bedeutet Kletterpflanze). Seither wurden die Inhaltsstoffe der Pflanze und ihre pharmakologischen Wirkungen vor allem in China und Japan genauer untersucht.

Reich an Saponinen

Zunächst isolierten japanische Wissenschaftler zahlreiche Triterpen­saponine vom Dammaran-Typ [1], die z. T. mit denen im Ginseng (Ginsenoside) identisch sind, zum weitaus grösseren Teil aber ausschliesslich in G. pentaphyllum vorkommen; daher erhielten sie in ihrer Gesamtheit den Namen Gypenoside (nach den Anfangssilben des Gattungs- und des Artnamens). Die einzelnen Verbindungen wurden wegen ihrer Vielzahl – bis heute sind nahezu 100 unterschiedliche Komponenten bekannt – mit Nummern belegt. Der Gesamtsaponingehalt in den Blättern soll etwa 7% betragen. Weiterhin konnten neben weit verbreiteten Flavonoiden (Rutin, Quercetin) auch sehr ungewöhnliche Flavonoide (Ombuosid, Yixingensin) nachgewiesen werden, wobei der Gesamtgehalt an Flavonoiden mit etwa 5% angegeben wird. Neben essenziellen Aminosäuren, Vitaminen und Spurenelementen (Zn, Mg, Fe), denen ebenfalls eine Beteiligung an den beobachteten pharmakologischen Wirkungen zugeschrieben wird, konnte jetzt auch ein Polysaccharid mit immunstimulierender Wirkung identifiziert werden [2].

Vielfältige pharmakologische Wirkungen

Eine immer wiederkehrende Bezeichnung für die wesentliche Wirkung des Jiaogulan-Tees ist die eines Adaptogens. Die Alternativmedizin versteht unter einem Adaptogen, dass es gegenüber Erkrankungen, die durch Stress verursacht werden, vorbeugt: Das Immunsystem soll dem Stress angepasst, also adaptiert werden. Ähnlich wird die Wirkung von Ginseng, Taigawurzel und Rosenwurz bewertet. Auch wenn festgestellt werden muss, dass sehr unterschiedliche Extrakte und isolierte Reinsubstanzen von Jiaogulan getestet wurden, so überrascht doch die Vielfalt der teils in Tierversuchen, teils in vitro beobachteten Wirkungen:

  • Um die beobachtete hypoglykämische Wirkung von Jiaogulan zu verifizieren, erhielten diabetische Mäuse entweder einen auf Gypenoside standardisierten Ethanolextrakt der Blätter oder Rosiglitazon. Dabei wurde mit hoch dosiertem Extrakt eine vergleichbare Wirkung wie mit Glitazon erzielt [3]. Die Autoren folgern, dass der Extrakt die Blutzuckerwerte durch Beeinflussung der Glucosidasen senkt.
  • Ein Extrakt von G. pentaphyllum aktiviert T- und B-Lymphozyten, was auf eine immunstimulierende Wirkung hinweist [4].
  • Gypenosid XLIX hemmt die durch Zytokine initiierte Synthese des Adhäsionsmoleküls VCAM-1 in menschlichen Endothelzellen [5] (VCAM-1 ist u. a. an chronischen Entzündungen, Krebs und Arteriosklerose beteiligt).
  • Bei menschlichen Krebszellen induzierten Gypenoside eine Apoptose über Mitochondrien abhängige Stoffwechselwege und die Aktivierung des Enzyms Caspase 3 [6].
  • Im Tierversuch zeigten Gypenoside eine neuroprotektive Wirkung [7].

Viele dieser Befunde bedürfen sicher zunächst einer Überprüfung, und erst recht muss eine entsprechende Wirksamkeit im menschlichen Körper noch nachgewiesen werden. Man kann jedoch davon ausgehen, dass das Interesse an Jiaogulan durch weitere spektakuläre Befunde auch bei uns noch steigen wird. Es gibt bereits erste Initiativen, G. pentaphyllum auch hierzulande zu kultivieren [8].

Letzte Änderung: 09.09.2017 / © W. Arnold